Also, ich mag den Föderalismus! Er hat so etwas Ur-Protestantisches. Ich meine – wenn mich jemand fragt: Was sagt die Kirche zu diesem oder jenem Thema? Dann komme ich immer ins Schwitzen, und ich schwitze gerne, weil: D i e Kirche sagt da immer gar nichts. Der EKD-Vorsitzende hat eine Meinung, und die Bischöfin und der Superintendent und die Pastorin und das Gemeindeglied – und wenn sie dabei dann noch auf die Bibel in ihren zentralen Inhalten verweisen können, sind das alles, so verschieden sie sein mögen, diskussionswürdige Positionen, und dann muss jede Glaubende, jeder Glaubende sich ein eigenes Urteil bilden. So ist das eben gut evangelisch.

Wir haben keine päpstliche Lehrmeinung, die bindend ist, das macht es vielleicht schwieriger, oder man kann auch sagen: anspruchsvoller, aber gerade das finde ich so schön! Und so ist es auch bereichernd, wie unterschiedlich Kirchengemeinden mit den Herausforderungen durch Corona umgegangen sind: die einen machten Gottesdienste im Web, die anderen arbeiteten verstärkt analog, schrieben Briefe und Karten und verteilten ausgedruckte Predigten, manche öffneten die Kirchen zum Gebet und hielten sich für Seelsorge bereit, und wieder andere machten Zoom-Konferenzen und ließen so Online gar Bibelkreise und Konfirmandengruppen weiterlaufen. Und so starteten auch jetzt manche gleich am 10. Mai wieder mit „normalen“ Präsenzgottesdiensten in den Kirchen, andere zog es ins Freie nach Draußen und wieder andere warteten erst noch einmal ab und wollten besonders die Risikogruppen unter den Gottesdienstbesuchenden gar nicht erst in Versuchung bringen. Ja, ich mag dieses Verschiedene, und dass jede Gemeinde, jeder Kirchengemeinderat den eigenen Kurs finden darf! Ich mag daher auch den Föderalismus in unserem Land und die verschiedenen politischen Ausrichtungen der sechzehn Landesregierungen, und ich fand es bereichernd, dass zu Beginn der Corona-Krise manche vorneweg preschten und so andere mitrissen und es einen regelrechten Meinungs- und Maßnahmen-Wettbewerb gab. Und doch hat alles auch seine Grenzen. Das ist auch bei unseren evangelischen Gemeinden so: wenn jede Gemeinde macht, was sie will; die Gottesdienstliturgie dauernd neu erfindet, mit theologischen Meinungen vorprescht oder allein den eigenen Kurs, die eigene Meinung als die „seligmachende“ hinstellt, dann ist das nicht gut! Und wie schnell sich Gemeinden und Konfessionen statt im fruchtbaren geschwisterlichen Miteinander vielmehr als Konkurrenten wahrnehmen, gegeneinander oder zumindest ohne die Nachbargemeinde arbeiten und so Chancen im Geist und Glauben vertun: das kennen wir alles zur Genüge. Und so hat auch der Föderalismus in unserem Land seine Grenzen. Ob jetzt bereits ein Bundesland die spät, sehr spät eingeführte Maskenpflicht in Deutschland schon wieder aussetzen sollte? Gerade wo die Reisetätigkeit innerhalb Deutschlands doch gerade erst eingesetzt hat? Für mich ist das ein einerseits hoffnungsvolles Zeichen: Haben wir es etwa schon geschafft? Darin aber genau ist dieses Zeichen auch fatal: es verführt dazu noch sorgloser zu werden, als es viele seit einigen Tagen ohnehin schon sind. Wie schnell ein Corona-Hotspot alle Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellen lässt, zeigte erst unlängst ein Gottesdienst in einer baptistischen Gemeinde oder die kleine Dankesfeier eines Gastronomen am ersten Tag der Wiedereröffnung seines Restaurants, die 18 Coronainfektionen nach sich zog und über hundert Personen unter Quarantäne stellte. Wir brauchen noch Geduld. Wir sollten noch Vorsicht walten lassen. Wir müssen gewiss nicht alle mutmachenden, positiven Entwicklungen mit dem permanenten dunklen Mantra einer möglichen zweiten oder dritten Infektionswelle erdrücken: Hoffnung brauchen wir, und ich will mich nicht an die „soziale Distanz“ auf Dauer gewöhnen und ständig anpreisen: sie macht auch etwas kaputt!! Aber Vorsicht ist wichtig. Geduld kann Leben retten. Wie sagt die neutestamentliche Losung für heute: Betet allezeit mit allem Bitten und Flehen im Geist und wacht dazu mit aller Beharrlichkeit und Flehen für alle Heiligen. (Epheser 6,18). Föderalismus und Urprotestantismus hin- oder her: beharrlich füreinander beten und für die ganze Welt im Kampf gegen dieses Virus. Und solidarisch bleiben! Das zumindest sollte unser „common sense“ sein!– In dem Sinne: bleibt behütet! Euer Pastor Gerald