Da habe ich mich lange hier nicht zu Wort gemeldet! Puh, ich habe erst mal getragen, ich kann euch sagen. Wenn mal schnell eine halbe Million Menschen aus dem „Verein“, der mir so wichtig ist und am Herzen liegt, austreten…Das muss man erst mal sacken lassen! Eine halbe Million! Ja, es kam nicht so überraschend, die Ergebnisse der Kirchenmitgliedschaftszahlen von 2019 haben sich ja angekündigt, und wir merken es hier oben in unseren Gemeinden ja auch: Kaum eine Sitzung, in der nicht ein oder mehrere Schreiben vom Amtsgericht zur Kenntnis gegeben werden, dass da jemand die Kirche verlassen hat. Manchmal sind es uns eher unbekannte Namen, Menschen, die erst zugezogen sind. Manchmal sind es Namen von Menschen, die wir kennen. Kürzlich trat jemand aus, von dem ich weiß, dass ihm Glauben und Kirche nicht egal sind.

Und er erzählte mir, dass die Abzüge durch die Kirchensteuer einfach zu hoch seien, momentan, wo er noch so viele andere Ausgaben auch schultern müsse. Und dass ihm auch der Umweltschutz sehr am Herzen liege und er noch Naturschutzverbände unterstütze, und dass nicht alles geht. Kürzlich haben wir uns sogar noch bei einem Gottesdienst gesehen. Die Kirche steht jedem und jeder offen, auch der Gottesdienst, und das ist gut so! Ja, oft hat es finanzielle Gründe. Obwohl Kirchensteuer ja immer noch eine, so finde ich, sehr sozial gestaltete Steuer ist: wer mehr Einkommen hat, muss mehr Kirchensteuer zahlen. Die Kirchensteuer beträgt 9% der Einkommenssteuer, also 9% von dem, was mir der Staat schon automatisch von meinem Einkommen als Steuer abzieht. Wer kein Einkommen hat, Schüler, Rentnerinnen und Rentner, Menschen, die von Sozialhilfe leben, die sind von jeglicher Kirchensteuer ausgenommen, und bei kleinen Einkommen ist dann auch die Kirchensteuer sehr viel niedriger. Das ist gut so! Und es treten, so hatte ich in den letzten Jahren immer das Gefühl, eher selten Menschen mit niedrigem Einkommen aus, die wirklich jeden Cent umdrehen müssen. Es sind eher Menschen mit höheren Einkommen, die einfach der hohe Betrag der Kirchensteuer schmerzt. Menschen, die vielleicht auch gerade Investitionen tätigen, Haus bauen, Studium der Kinder noch mitfinanzieren und deshalb versuchen an anderer Stelle zu sparen. Ja, es sind meist finanzielle Gründe, die den Ausschlag geben. Aber andererseits muss da auch etwas vorausgegangen sein: eine Entfremdung mit Kirche. Manchmal gab es persönliche Verletzungen: ein Pastor, eine Pastorin, die nicht so geholfen hat, wie sich das jemand gewünscht hat. Oder der Missbrauchsskandal, der Kirche ja auch in den Grundfesten erschüttert hat. Der eine ärgert sich über die politischen Stellungnahmen der Kirche, empfindet sie als einseitig. Eine andere ärgert sich um zu wenig politische Stellungnahmen der Kirche, empfindet Kirche als weltfremd. Aber oft ist da einfach auch im Blick auf Kirche Gleichgültigkeit gewachsen: Ich schaue auf den Gehaltszettel und denke: wofür zahle ich da eigentlich monatlich einen zwei- oder dreistelligen Betrag? Ich geh doch kaum hin! Was habe ich eigentlich davon? Was könnte ich mit dem Geld alles anfangen! - „Da gebe ich mir so eine Mühe, gestalte eine tolle Konfirmandenarbeit, wir machen immer noch eine Freizeit, der Gottesdienst hat Freude gemachte, der Chor sang – und dann tritt vier Jahre später der junge Mensch aus.“ Sagt der Kollege, der wirklich so viel Herzblut in die Arbeit investiert. Aber auch so gute Erfahrungen mit Kirche können nicht immer Menschen abhalten irgendwann doch gerade an dieser Stelle einzusparen. Mich traf damals der Austritt eines Elternpaares einer Konfirmandin kurz nach der Konfirmation. Wir hatten, so empfand ich es auch, doch so eine gute Zeit zusammen. Auch da, so erzählten sie mir dann, gab es finanzielle Gründe – und Ärger mit Nachbarn, die ihnen, so empfanden sie es, das Leben schwer machten, wenn sie mal in der Mittagspause am Haus arbeiteten: „Die gehen sonntags in die Kirche und tun fromm, und wenn wir dann sonntags mal am Anbau arbeiten, schicken sie uns die Polizei auf den Hals! Da kann ich auf Kirche verzichten!“ – Es gibt viele gute Gründe Kirche zu verlassen. Mir liegt sie so am Herzen: die Gemeinschaft mit Mitglaubenden. Gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Christlichen Glauben im Alltag zu leben. Ich finde, wir haben so eine kostbare Botschaft: von Jesus. Wie er gelebt, was er gesagt hat. Die Vergebung von Schuld, die mir manchmal so zu schaffen macht. Die klaren Ansagen, dass jeder Mensch kostbar ist und einzigartig. Dass jeder Mensch, gleich welcher Religion und Volkszugehörigkeit: ein Kind unseres Gottes ist. Und dass Liebe das ist, was zählt. Die Welt als Schöpfung Gottes – dass es einen großen Plan hinter allem gibt. Dass es Dinge gibt auf dieser Welt, die ich nicht verstehe: so viel Leid! Aber dass Gott nicht Leid verhängt, sondern ins Leiden hineingeht, bei uns ist, uns niemals verlässt! Dafür steht doch das Kreuz in unserem Glauben: Jesus, der mit uns leidet und so das Leid überwinden hilft. Und die Hoffnung über den Tod hinaus, ohne die ich nicht an einem Grab stehen könnte. Ich finde sie so kostbar, diese besonderen Tage von Weihnachten, Ostern, Erntedank, Pfingsten, Karfreitag. Und Taufen, bei denen einem Kind schon gesagt wird: „Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls!“ Eine halbe Million Menschen sind gegangen. Und jetzt? „Ich kann doch machen, was ich will, ich kann doch nichts ändern!“ Sollen wir so reagieren als Pastoren, Kirchengemeinderäte, Mitchristinnen und Mitchristen? Oder heißt es nicht erst recht: so viel Liebe, wie Gott eben Liebe ist, in unser Leben hineinlegen, in jeden Gottesdienst, in jede Zusammenkunft, in den Alltag. Und vertrauen, dass Gott aus unseren kleinen Schritten etwas Großes machen kann. Dass er Herzen bewegen und Menschen zum Glauben führen und Gemeinden lebendig machen kann. Wenn wir bereit sind – sein Wunder zu sein. Und seiner Liebe zu vertrauen. Und niemals einen der unchristlichsten, unwahrsten Worte dieser Welt zu sagen: Es hat doch keinen Sinn! Morgen im Predigttext hat einer das nicht gesagt: die ganze Nacht gefischt, nichts gefangen – und Jesus schickt ihn morgens noch einmal aufs Wasser. Und der gehorcht, fährt los – und erlebt sein Wunder! Vielleicht sehen wir uns ja morgen im Gottesdienst! Z.B. in Horsbüll um 9.30 Uhr oder in Klixbüll um 11.00 Uhr. Ein gesegnetes Wochenende! Euer Pastor Gerald