„Können wir mal Ihre Kirche sehen?“ Drei Personen standen hinten im Garten und hatten von der Nachbarin den heißen Tipp bekommen bei uns doch mal wegen der Kirche zu fragen. Ich kam gerade aus dieser, hatte nach dem Mittagsgebet um 12.00 Uhr und nach der Kirchenführung mit einem Brautpaar um 14.00 Uhr gerade den Kirchenschlüssel wieder an den Haken gehängt um nun meinerseits im Garten bei dem schönen Wetter ein wenig abzuhängen. Aber da ich selber mich immer sehr freue, wenn ich an einem Urlaubsort die Möglichkeit habe die hiesige Kirche zu besuchen, war es natürlich keine Frage den Kirchenschlüssel wieder zu holen und die drei zur Kirche zu führen. „Sie sind also der Pfarrer hier?“ – stellte einer der drei fest und meinte dann: „Dann sind wir also Kollegen!“

Und stellte sich vor: Pfarrer in Minden in Nordrhein-Westfalen, zur Zeit macht er eine Kur in Sankt-Peter-Ording, und die beiden Begleiter hat er in der Kur kennengelernt, und er hat ein Auto, und so haben sich die drei zusammengetan. „Wieviel Kirchen haben Sie denn?“– Na ja, ich erzähle ihm von fünf Orten und vier Kirchen. „Und jeden Sonntag überall Gottesdienst?“ Mit dieser Frage war klar, dass er aus dem städtischen Kontext kommt. „An Weihnachten schon, aber sonntags haben wir meist zwei Gottesdienste hintereinander.“- „Und wie viele Gemeindeglieder?“ – „1500“, antworte ich, und da merke ich das leise Pfeifen aus seinem Mund. „Na, das lässt sich ja gut machen, ich habe 3500.“, kommt die prompte Antwort. – Was weiß er eigentlich, was sich gut oder schlecht machen lässt, denke ich so bei mir! Auf meiner ersten Stelle hatte ich 900 Gemeindeglieder und hatte dennoch das Gefühl nicht wirklich rum zu kommen mit der Arbeit…Auf der anderen Seite schlich doch auch eine Ehrfurcht in mir auf: 3500! Das ist ja doch eine Hausnummer. Wenn unser Kirchenkreis prognostiziert, dass meine Pfarrstelle im Jahr 2030 nur noch eine halbe ist und Kirchengemeinden weiter zusammengelegt werden, weil die Mitglieder weniger werden, würden wir dann wohl auch mit allen Kirchengemeindegliedern in der Wiedingharde zusammen noch immer nicht auf 3500 kommen! Und merke, wie die Dankbarkeit groß wird: Ist doch schön hier in Nordfriesland zu sein! Ich schließe die Kirche auf. Er marschiert auf die Kanzel, schaut sich im Altarraum um, mustert die vielen Plätze. „Und, jeden Sonntag sind hier alle Plätze belegt?!“ „Na ja, an Weihnachten vielleicht…An einem normalen Sonntag sitzen wir hier auch schon mal zu zehnt!“. Nein, ich wollte jetzt gar nicht wissen, was mein Amtsbruder über diese Zahl und meine Arbeit in dem Moment dachte. Und ich wollte auch gar nicht wissen, wie viele womöglich im heiligen Minden sonntags noch zur Kirche pilgerten…Als ob Jesus ständig gezählt hat!„Wo zwei drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, hat er gesagt, das hat Gewicht! „Wenn unser Gospelchor Konzert gibt, dann ist hier voll“, fällt mir schnell ein! Gott sei Dank, dass mir der Gedanke noch kam!! - Nun gut, er berichtet von seinen 20 Konfirmanden – na, da sind wir mit elfen ja auch noch ganz gut dabei -, will wissen, wie wir in Coronazeiten das Abendmahl feiern, findet die Kirchendecke mit dem engellosen nordfriesischen Himmel sehr ansprechend und erzählt von der Mindener Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Bald ruft uns das herrliche Sommerwetter nach draußen. Die drei verabschieden sich, nicht ohne eine Kollekte in der Kirche zu hinterlassen! Ich betrete den Garten und fühle mich wie im Paradies. „Da klagen wir über die Zusammenlegung von Gemeinden bis zum Jahr 2030 wegen Kirchenaustritten und weniger Steuereinnahmen…Eigentlich geht es uns hier doch immer noch ganz schön gut“, denke ich demütig bei mir! Für meinen Moment zögere ich den ab Montag eingereichten dreiwöchigen Urlaub doch abzusagen, da ich bei 1500 Gemeindegliedern doch eigentlich gar nicht urlaubsbedürftig sein kann…Doch dann bin ich doch dankbar für diese freie Zeit. Der Mindener Kollege ist in Kur, und es muss jetzt sogar in Minden einmal ohne ihn gehen, denke ich noch . Jetzt aber in die Sonne, der Sommertag ist doch gar zu schön! Und wer morgen den Gottesdienst besuchen will: Um 9.30 Uhr in Klanxbüll, um 11.00 Uhr in Braderup feiern wir Gottesdienst, erinnern uns an die Taufe und- ich halte zwar die Liturgie, habe aber morgen sogar noch predigtfrei, Andrei Heit wird morgen im Rahmen seines Gemeindepraktikums die Predigt halten. Wenn ich das dem Mindener Amtsbruder auch noch erzählt hätte – er hätte bestimmt sofort seine Bewerbung an den Kirchenkreis Nordfriesland abgeschickt! Euch allen ein gesegnetes Wochenende und eine gute Zeit! Und wisset zu schätzen, was ihr habt und wo ihr lebt! Ich habe es heute noch einmal ganz neu gelernt!

Euer Pastor Gerald